Erneuerbare Energien sind die Basis für eine bessere Welt

Der Investigativjournalist Dr. Franz Alt wird gerne als Papst der Erneuerbaren Energien bezeichnet. Sein Steckenpferd ist der Solarbereich. Hier hat er in den vergangenen 30 Jahren viel bewegt und erreicht und 1994 unter anderem den ersten Deutschen und drei Jahre später den Europäischen Solarpreis erhalten. Mit uns sprach er über seine persönliche Vision der Energiewende.

Solardirekt: „Herr Dr. Alt, die Energiewende ist zu einem geflügelten Wort geworden. Welche Länder sind hier Vorreiter? Warum hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher?“

Dr. Franz Alt: „Deutschland war bis etwa 2011/2012 Vorreiter – dank des Erneuerbaren Energien-Gesetzes (EEG) aus dem Jahr 2000. Dann wurde der Druck der alten Energiekonzerne so stark, dass die seitherigen Bundesregierungen vor der alten Energielobby in die Knie gingen und das EEG immer komplizierter gestalteten. In der vergangenen Legislaturperiode hatte die alte Energiewirtschaft 44 Termine im Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium, die Vertreter der Erneuerbaren Energien vier. Diese Zahlen sprechen für sich, oder? Deutschland hat in den letzten sechs Jahren im Solarbereich nahezu 70.000 Arbeitsplätze verloren. Heute können Sie praktisch ohne Hilfe eines Rechtsanwalts kaum noch Solaranlagen installieren. Die internationalen Vorreiter sind heute China, Indien, die USA, Island und El Salvador.“

Solardirekt: „Welche Rolle wird die Photovoltaik im zukünftigen Energie-Versorgungsmix spielen?

Dr. Franz Alt: „Sie wird die zentrale Rolle einnehmen, schon deshalb, weil die Sonne die größte Energiequelle für immer ist, weil sie umweltverträglich ist und keine Rechnung schickt. Bei Solarenergie kommen deshalb Ökologie und Ökonomie ganz natürlich zusammen. In jedem Augenblick unseres Hierseins schickt uns die Sonne 15.000-mal mehr Energie auf unseren Planeten, als wir verbrauchen. Das wird sie noch einige Milliarden Jahre tun, während die atomar-konventionellen Energieträger in wenigen Jahrzehnten am Ende sind, das Klima zerstören, oder wie die Atomenergie, mit riesigen Gefahren verbunden bleibt. Außerdem gibt es weltweit kein einziges Entsorgungslager für nuklearen Müll. Bei Photovoltaik fällt so gut wie kein Müll an und die Rohstoffe für die Technik können recycelt werden.“

Solardirekt: „Das bedeutet, auf den Punkt gebracht: Welche Vorteile bietet die PV im Vergleich zu anderen Formen der erneuerbaren Energien?“

Dr. Franz Alt: „Sie ist schon heute die preiswerteste erneuerbare Energiequelle. In Kombination mit Windkraft, Wasserkraft, Bioenergie und Geothermie können wir in spätestens 20 Jahren den hundertprozentigen Umstieg auf umweltfreundliche und preiswerte Energie organisieren. Die Energiewende ist die Voraussetzung zur Lösung der anderen großen Probleme, die wir haben: der Flüchtlingskrise, der Hungerkrise, der Kriege um Öl. Alles steht miteinander in Verbindung. Die Lösung all dieser Krisen steht am Himmel. Wir müssen uns nur öffnen für die Energie von ganz, ganz oben, für die Energie vom Chef selbst. Denn die Energiekrise ist auch eine spirituelle Herausforderung. Wenn wir Ethik und Technik in Verbindung bringen, gelingt die Lösung der Überlebensfrage der Menschheit schneller, als wir es uns heute vorstellen können. Wir können es schaffen, dass bald kein Kind mehr verhungern muss. Welch eine Chance für eine bessere Welt!“

Solardirekt: „In welchen Ländern sehen Sie besonderes Potenzial für die Branche?“

Dr. Franz Alt: „In allen Ländern, wenn wir die ganze Symphonie der Erneuerbaren Energien nutzen. Jedes Land kann zu hundert Prozent erneuerbar werden. Ich habe sogar in Grönland Solaranlagen gesehen.“

Solardirekt: „Haben deutsche PV-Unternehmen im internationalen Vergleich eine Chance? Gibt es besonders vielversprechende Märkte, Bereiche für die deutschen Firmen?“

Dr. Franz Alt: „Deutschland ist technologisch immer noch vorn. Unsere Ingenieure und Techniker haben einen Ruf wie Donnerhall in der ganzen Welt. Das gilt vor allem für Solartechnik, Windräder und Biogasanlagen. Bei meinen Vorträgen in China höre und sehe ich immer wieder, dass die Chinesen überwiegend mit Hilfe deutscher Technik heute führend sind bei der Energiewende. Die Energiewende ist auch ökonomisch eine Riesenchance für die deutsche Wirtschaft – wir nutzen sie nur viel zu wenig.“

Solardirekt: „Wie sieht Ihre Vision der Energiewende aus?“

Dr. Franz Alt: „Wir haben im Jahr 2000 hierzulande etwa fünf Prozent Ökostrom produziert. Heute sind wir bei 37% - trotz des Bremsmanövers durch die Bundesregierung in den letzten Jahren. Nach dem Atomausstieg brauchen wir jetzt einen raschen Kohleausstieg. Großen Nachholbedarf haben wir bei der Verkehrswende und bei der Wärmewende. Die Gesellschaft ist jedoch weiter als unsere Regierenden. Um die 90% der Bürgerinnen und Bürger wollen eine rasche Energiewende, weil der Klimawandel die Überlebensfrage unserer Zeit ist. Deshalb setze ich auf Energiegenossenschaften, auf Stadtwerke, auf Kommunalpolitiker, auf Handwerk und Mittelstand, auf Bauern und Hausbesitzer. Die dezentrale Energiewende geht nur von unten. Und zwar nicht ohne Kampf, denn bei der alten Energiewirtschaft steht viel auf dem Spiel – nahezu alles. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Die Zukunft gehört ohne jeden Zweifel den erneuerbaren Energien.“

Dr. Franz Alt